Dr. phil. Magdalena Telus
Übersetzung polnischer Lyrik
Lyrik übersetzen – das Metrum und den Reim beibehalten und alles, was das Gedicht ausmacht, in einer anderen Sprache ausdrücken. Ist es möglich?
Hier ein paar polnische Gedichte in meiner (M.T.) Übersetzung. Den Impuls gab Jackies Projekt „Poczet poetów / Stimmen der Dichter – multimediales Poesietheater“.
Konzert „Stimmen der Dichter – multimediales Poesietheater”, Interlese 2012, Landesvertretung Sachsen-Anhalt in Berlin
Jackie griff zurück auf Autoren des 20. Jahrhunderts. Die meisten dieser Texte fokussieren auf der Person des Dichters, nach dessen Stellung gegenüber den großen Themen der Moderne gefragt wird. Es ist vor allem das literarische Werk von Wisława Szymborska (1923-2012), in dem das lyrische Ich mit der Welt der Natur verschmilzt und so der Vergänglichkeit anheim fällt, aber auch Teil einer ewigen Kosmologie wird. Nicht einmal die Liebe ermöglicht ein Entrinnen aus dem ewigen Kreislauf, wie es die Gedichte von Mieczysława Buczkówna (1924-2015) und ihrem Mann, Mieczysław Jastrun (1903-1983), nahe legen. Mieczysława war für das Projekt „Poczet poetów/Stimmen der Dichter“ entscheidend wichtig, sie beriet Jackie bei der Auswahl der Autoren und Texte, ihr Name und ein gutes Wort öffneten die eine oder andere Tür. Wir vermissen sie sehr. Wir finden es sehr schade, dass sie unsere Mühle nicht gesehen hat („Der erste Gedichtband… Moment… wie war noch sein Titel?… ‚Trennungen’! Warum ‚Trennungen’? Weiß ich nicht“ – aus irgendeinem Grund muss ich immer schmunzeln über diese Worte von Miecia, da war sie 85.)
Aber zurück zur Literaturgeschichte: Mit der phänomenologischen Perspektive kontrastiert die Perspektive der sozialen Ordnung. Der Dichter ist hier ein Chronist, dem die moralische Pflicht der Aufzeichnung obliegt. „Weź mandolinę, na mandolinie wygrasz to wszystko…“ [nimm eine Mandoline, mit der Mandoline wirst du das alles besingen] heißt es bei Czesław Miłosz (1911-2004) angesichts der moralischen Katastrophe des Holocausts. „Das alles“ – das sind die Trümmer des Warschauer Gettos, die nach Auschwitz rollenden Züge und die Gleichgültigkeit der Zeitzeugen.
Während die Möglichkeit, der sozialen Ordnung den Rücken zu kehren, im romantischen Gestus von Władysław Broniewski (1897-1962) geprüft und letztlich in Frage gestellt wird, wird die natürliche Ordnung mit ihrer Unvollkommenheit und Verletzlichkeit in der Lyrik von Tadeusz Nowak (1930-1991) zur eigentlichen Heimat des Dichters. Aus dieser Heimat verbannt, macht er sich zum Narren, der in Ironie und Metapher nach einer neuen Zuflucht sucht, wie dies in dem Gedicht von Konstanty Ildefons Gałczyński (1905-1953) geschieht. Die Projektidee zu „Poczet poetów/Stimmen der Dichter“ entstand übrigens in Nowaks Waldhäuschen in Bolimów, wo sich Jackie und Miecia das erste Mal trafen bei Zofia, der Frau der damals bereits verstorbenen Tadeusz Nowak.
Der Dichter – ein Narr, ein Chronist, ein Romantiker; vergänglich in seiner Körperlichkeit und in Erinnerung seiner Zeitgenossen, unverzichtbar, damit das menschliche Dasein und Nichtsein erträglicher wird. Darum also scheint es zu gehen. Und hier die Übersetzungen.
Poetische und musikalische Filmetüde „Parabel” – Zbigniew Herbert
Zdumienie / Staunen – Wisława Szymborska
In überaus einer Person – warum?
Als die – keine and’re – begrenzt. Was tun?
Warum am Dienstag? Hier und nicht fern?
Haut und nicht Schuppen? Statt Blatt ein Gesicht…
Warum nur einmal persönlich ich?
Hier auf der Erde? Am kleinem Stern?
Nach langen Zeiten der Abwesenheit
auf einmal da, anstelle von Milben
und Hohltieren, unter allen Gewölben
des Himmels nur jetzt meine Fleischigkeit.
Allein bei sich mit sich?
Im Zimmer, nicht auf dem Baum,
nicht Gestern, nicht vor Jahrzehnten
sitz’ ich und schau’ in den Raum.
– wie jenes, das auch plötzlich schaut
und knurrt und bellt – und nicht miaut.
Durchführung der Aufführung: Mieczyslawa Buczkowna – herausragende polnische Dichterin
Chwila / Ein Augenblick – Mieczysława Buczkówna-Jastrun
Alles ist ein Moment nur – der Schwalbe Flug… des Schmetterlings
Wie sich die Lilie öffnet im Teich
Das alles ist ein Moment
Ein Augenblick
Das Funkeln des Taus, der Kometenflug und der Sonnenuntergang
Das Zucken des Minutenzeigers und des Herzens
Dein Blick…
Mein Lächeln im Flash deiner Augen
Unsere Briefe, Gefühle
Mein Lächeln im Flash deiner Augen
Unsere Briefe, Gefühle
Ein Augenblick…
Elegia / Elegie – Konstanty Ildefons Gałczyński
Mehr und mehr tut mir alles weh,
auch der Käse bekommt mir nicht mehr;
mit den sieben Degen der Schwermut
bin durchstochen wie Apollinaire.
Seit früh morgens gänzlich daneben,
so ´ne Birne sprengt ganz den Rahmen.
Früher stets von Damen umgeben,
heute völlig kaputt, meine Damen.
Kann nicht schlafen. Wer klopft denn an
mit ´nem knochigen Finger so gräulich?
Ich erkenne den Sensenmann:
„Tanz mit mir“, sagt er ganz höflich.
Stimme zu, wenn auch etwas verlegen,
und schon sause ich, in Pyjama gehüllt,
durch die Nacht, durch den Wind auf Irrwegen,
wo der Sturm die Erde durchwühlt.
Plötzlich stehen bleibt im Getose
mein Begleiter, von der Frage getrieben
nach den Löchern in Jacke wie Hose:
ich sähe aus wie eine Piksieben.
„Eben“, sage ich, „es tut weh,
du mein Lieber, mon cher ami,
ich durchstach mich wie Apollinaire
siebenmal aus Melancholie.“
Przedmieście / Vorstadt – Czesław Miłosz
Die Hand mit den Karten sinkt nieder
In heißen Sand,
Die Sonne, verwelkt, sinkt nieder
In heißen Sand,
Die Bank geht an Felek, wir müssen warten
Ein Schimmer durchsticht die verklebten Karten,
der Sand ist heiß.
Schornsteinschatten gebrochen, kein Gras da drüben.
Die Stadt ringsum geöffnet mit blutigen Ziegeln.
Rostige Halden, Stacheldraht, es rührt sich nichts.
Autogerippe, Bushalte still,
Eine Lehmgrube blitzt.
Eine leere Vodkaflasche steckt
Im heißen Sand,
Ein Tropfen lässt Staub entstehen
Aus heißem Sand.
Die Bank geht an Janek, Janek teil aus,
Wir sitzen und spielen tagein, tagaus,
Zwei Jahre, vier Jahre, wir spielen immer
Das Blatt überschüttet vom schwarzen Schimmer,
Der Sand ist heiß.
Die Stadt ringsum geöffnet mit blutigen Ziegeln,
Eine Kiefer hinterm Judenhaus, von dort
Schüttere Spuren und eine Ebene ohne Ende,
Kalkstaub und die Wagen rollen fort,
Darin eine Klage, eine wimmernde.
Nimm in die Hand die Mandoline
Und sing darüber,
Schlag auf die Saiten.
Ein schönes Lied,
Ein ödes Feld,
Ein leeres Glas,
Mehr ist nicht nötig.
Sieh! Eine Dirne kommt uns entgegen,
hat Korkpantoffeln, Frisur und Stil,
Komm zu uns Mädchen, wir kennen ein Spiel.
Ein ödes Feld,
Die Sonne sinkt.